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RHD-Hämorrhagische Krankheit der Kaninchen

Leitsymptome:

  • perakute Todesfälle
  • Blutungen aus den Körperöffnungen

Labordiagnostik:

  • molekularbiologischer Nachweis aus Sektionsmaterial

Ätiologie

Das Virus der ansteckenden Kaninchenseuche (engl.: rabbit hemorrhagic disease virus) ist ein Calicivirus mit weltweiter Verbreitung. Es wurden verschiedene Stämme beschrieben, die sich hinsichtlich ihrer Virulenz und Antigenität zum Teil deutlich unterscheiden. Seit 2013 tritt in Deutschland eine neue Variante des Virus (RHDV-2) auf. Caliciviren sind unbehüllte Viren, sie weisen eine hohe Tenazität auf. Für die Umgebungsdesinfektion müssen Mittel eingesetzt werden, die für unbehüllte Viren zugelassen sind.

Epidemiologie

Das Wirtsspektrum von RHDV beschränkt sich auf Hasenartige (Lagomorpha). Bemerkenswert ist die altersabhängige Empfänglichkeit. Während die klassische RHDV-Variante bei Tieren unter drei Monaten nicht zu einer Infektion (Jungtierresistenz) führt,  verursacht die neue RHDV-2-Variante auch bei sehr jungen bis jungen Tieren hohe Verluste (Mahar et al. 2018, Harcourt-Brown et al. 2020a). Die Ausscheidung des Virus erfolgt über nahezu alle Sekrete und Exkrete. Die Übertragung kann daher direkt erfolgen oder aber durch Insekten und unbelebte Vektoren.

Pathogenese und Klinik

Die Inkubationszeit beträgt 24 bis 72 Stunden. Die ersten Krankheitssymptome sind wenig charakteristisch: Dyspnoe, Inappetenz, Apathie. Bei perakuten und akuten Verläufen der klassischen RHDV-Variante weisen die Tiere Blutungen aus der Nase und dem Maul, Schmerzen und Atemnot auf. Später wird auch häufig blutiger Durchfall beobachtet. Erkrankte Kaninchen verenden innerhalb weniger Stunden bzw. Tage. Die RHDV-2-Variante geht häufig mit unspezifischen Symptomen einher. In vielen Fällen wurde vom plötzlichen Tod ohne vorherige Symptome berichtet. Weiterhin traten Inappetenz, Apathie und Kollaps sowie seltener Krämpfe, Ikerus, Dyspnoe, Maulblutung und Hypothermie auf. Bei akut erkrankten Tieren bestehen sehr geringe Heilungsaussichten. Das pathologische Bild ist geprägt durch nekrotische Hepatitis, hämorrhagische Gastroenteritis, Splenomegalie und Lungenödem. Bei RHDV-2 treten zudem sehr häufig glomeruläre Nekrosen auf.

Diagnose

Die Diagnose kann anhand des pathologisch-anatomischen Befundes gestellt werden. Eine virologische Diagnose ist über den Nachweis von Viruspartikeln in der Leber mittels Elektronenmikroskopie oder PCR möglich. Das Virus lässt sich nicht in Zellkulturen vermehren.

Behandlung/ Prophylaxe

Es sind inaktivierte und rekombinante Impfstoffe gegen die klassischen RHDV-Stämme und gegen RHDV-2 verfügbar. Seit wenigen Jahren sind ein bivalenter Impfstoff, der beide RHDV-2 Varianten enthält, sowie ein rekombinanter, trivalenter Impfstoff, der zusätzlich auch eine Myxomatose-Komponente enthält, zugelassen. Beide Impfstoffe schützen gemäß Zulassung nach einmaliger Anwendung für ein Jahr gegen beide derzeit zirkulierende Varianten des Virus. Eine regelmäßige Impfung der Kaninchen entsprechend den Impfempfehlungen wird dringend empfohlen. Beim Einsatz des trivalenten Impfstoffes besteht das Problem, dass bei Tieren mit Myxomatose-Antikörpern (z. B. durch eine vorherige Myxomatose-Impfung oder eine überstandene Infektion), die vorhandenen Myxomatose-Antikörper die rekombinanten Impfviren inaktivieren. In solchen Fällen entwickelt sich möglicherweise keine ausreichende Immunreaktion gegen die RHD*. Hier sollte die zusätzliche Impfung gegen beide RHDV-Varianten mit einem der konventionellen Impfstoffe erwogen werden.

*Die Gebrauchsinformation von Nobivac Myxo RHD Plus enthält folgenden Warnhinweis: Hohe maternale Antikörperspiegel gegen Myxomatose-Virus und/oder RHD-Virus können möglicherweise die Wirksamkeit des Tierarzneimittels verringern. Um eine vollständige Immunitätsdauer sicherzustellen, wird für diese Fälle eine Impfung ab einem Alter von 7 Wochen empfohlen.

Für beide Nobivac Myxo RHD-Impfstoffe ist in der Gebrauchsinformation ausgeführt: Kaninchen, die bereits mit einem Myxomatose-Mono-Impfstoff geimpft wurden oder eine natürliche Myxomatose-Feldinfektion durchlebt haben, entwickeln möglicherweise nach der Impfung keine ausreichende Immunreaktion gegen die Hämorrhagische Krankheit der Kaninchen.

weiterführende Literatur

  • Tiermedizinische Mikrobiologie, Infektions- und Seuchenlehre; Herausgegeben von H.J. Selbitz; U. Truyen; P. Valentin-Weigand; Enke-Verlag Stuttgart 10. Auflage (2015); Hämorrhagische Krankheit der Kaninchen; Heinz-Jürgen Thiel und Matthias König; S.605 ff.
  • Harcourt-Brown, et al. (2020) RHDV2 epidemic in UK pet rabbits. Part 1: clinical features, gross post mortem and histopathological findings. J Small Anim Pract 61 (7): 419-427. 10.1111/jsap.13141
  • Harcourt-Brown, et al. (2020) RHDV2 epidemic in UK pet rabbits. Part 2: PCR results and correlation with vaccination status. J Small Anim Pract 61 (8): 487-493. 10.1111/jsap.13180
  • Reemers, et al. (2020) Novel Trivalent Vectored Vaccine for Control of Myxomatosis and Disease Caused by Classical and a New Genotype of Rabbit Haemorrhagic Disease Virus. Vaccines (Basel) 8 (3): 10.3390/vaccines8030441
  • CVMP (2019) Nobivac Myxo RHD plus : EPAR - Scientific Discussion. (9. November 2020): https://www.ema.europa.eu/
  • Le Gall-Reculé, G., Lemaitre, E., Bertagnoli, S., et al. (2017) Large-scale lagovirus disease outbreaks in European brown hares (Lepus europaeus) in France caused by RHDV2 strains spatially shared with rabbits (Oryctolagus cuniculus). Veterinary Research 48, 70
  • Mahar JE, Hall RN, Peacock D, et al. Rabbit Hemorrhagic Disease Virus 2 (RHDV2; GI.2) Is Replacing Endemic Strains of RHDV in the Australian Landscape within 18 Months of Its Arrival. J Virol 2018;92.

 

Zugelassene Impfstoffe

Stand November 2020

Im Folgenden sind alle in Deutschland zur Anwendung an Kaninchen zugelassenen Impfstoffe aufgeführt, die eine RHDV-Komponente enthalten. Für Impfstoffe, die bereits im Kapitel Myxomatose detailliert beschrieben wurden, wurde auf eine Darstellung der Zusammensetzung, der Applikationshinweise sowie des Anwendungsgebietes verzichtet. Diese Impfstoffe sind in der folgenden Tabelle grau unterlegt.

Handelsname

zugelassen für

Zulassungsinhaber

Impfantigen

leb./ inakt.

Hyperlink

Cunivak Combo*

CEVA

RHDV-1

Myxomatose

leb./inakt.

PharmNet

Cunivak Jet*

CEVA

Myxomatose

leb.

PharmNet

Cunivak Myxo*

CEVA

Myxomatose

leb.

PharmNet

Cunivak RHD

CEVA

RHDV-1

inakt.

PharmNet

Eravac

HIPRA

RHDV-2

inakt.

EPAR

Filavac VHD K C+V

Filavie

RHDV-1

RHDV-2

inakt.

PharmNet

Nobivac Myxo-RHD

Intervet

RHDV-1

Myxomatose

leb.

EPAR

Nobivac Myxo-RHD Plus

Intervet

RHDV-1

RHDV-2

Myxomatose

leb.

EPAR

RIKA-VACC RHD

Ecuphar

RHDV-1

inakt.

PharmNet

RIKA-VACC Duo

Ecuphar

RHDV-1

Myxomatose

leb./inakt.

PharmNet

RIKA-VACC Myxo s.c.

Ecuphar

Myxomatose

leb.

PharmNet

*     Die Impfstoffe sind derzeit nicht verfügbar. Es ist damit zu rechnen, dass sie nach der Übernahme der IDT Tiergesundheit durch die Firma CEVA nicht mehr produziert werden.

Zusammensetzung

Handelsname

Impfantigen

Zelllinie

Inaktivierung

Thiomersal

pro Dosis

Adjuvans

Cunivak RHD

RHD-Virus, Stamm Eisenhüttenstadt

Kaninchenleber

Formalin

~ 0,02 mg

Aluminiumhydroxid

Eravac

RHD-Virus, Typ 2,

   Stamm V-1037

k.A.

-

0,05 mg

Mineralöl

Filavac VHD K C+V

RHD-Virus,(RHDV-2)

   Stamm LP.SV.2012

RHD-Virus, (RHDV-1)

   Stamm IM507.SC.2011

k.A.

-

-

Aluminiumhydroxid

RIKA-VACC RHD

RHD-Virus

Kaninchenleber

formalininaktiviert

0,0202 - 0,0262 mg

Aluminiumhydroxid

Applikationshinweise

Handelsname

Dosis

frühester

Impfzeitpunkt

Grundimmunisierung

Wiederholung

Bemerkungen

Cunivak RHD

0,5 ml; s.c. oder i.m.

ab 4 Wochen

2 Immunisierungen im Abstand von 3 Wochen

Halbjährlich

In infektionsgefährdeten Tierbeständen und Gebiet–en ist eine Impfung der Jungtiere, unabhängig von maternalen Antikörpern, bereits ab einem Alter von 4 - 6 Wochen zu empfehlen.

In Gebieten ohne erhöhte Infektionsgefahr ist der Beginn der Grundimmunisierungin der 8. bis 12. Lebenswoche ausreichend.

Eine Anwendung bei tragenden und laktierenden Häsinnen ist möglich.

Eravac

0,5 ml; s.c.

ab einem Alter von 30 Tage

1 Immunisierung

nach 1 Jahr

Laboruntersuchungen an weiblichen Kaninchen im letzten Drittel der Träch-tigkeit haben keine Hin-weise auf eine mögliche teratogene, fetotoxische und maternotoxische Wirkung ergeben. Trächtige Kaninchen müssen mit besonderer Vorsicht behandelt werden, um Stress und das Risiko von Fehlgeburten zu vermeiden.

Filavac VHD K C+V

0,5 ml; s.c.

ab 10 Wochen

1 Immunisierung

jährlich

In einem durchgeführten Feldversuch kam es bei trächtigen Tieren nach Verabreichung des Impfstoffs nicht zu Aborten. 

Nur anwenden nach ent-sprechender Nutzen-Risiko-Bewertung durch den behandelnden Tierarzt. Der Einfluss des Impfstoffes auf die Fortpflanzungsfähigkeit von Kaninchen wurde nicht untersucht.

RIKA-VACC RHD

0,5 ml; s.c. oder i.m.

ab 4 Wochen

1 Immunisierung

Jährlich

Nachkommen immunisierter Häsinnen sollten erst ab einem Lebensalter von 3 Monaten geimpft werden. Bei erhöhter Infektions­gefahr können diese Jung­tiere bereits ab der 6. Lebenswoche vakziniert werden, in diesem Fall ist jedoch eine Wiederholungs­impfung nach 3 bis 4 Wochen erforderlich. Eine Anwend­ung bei tragenden und laktierenden Häsinnen ist möglich.

Anwendungsgebiet

Handelsname

Indikation

Cunivak RHD

Aktive Immunisierung von Kaninchen ab einem Alter von 4 Wochen gegen die klassischen Stämme der Hämorrhagischen Krankheit und ab einem Alter von 10 Wochen gegen RHDV-2 Stämme. Im Falle einer Infektion mit RHDV-2 schützt eine Impfung einen Großteil der Tiere vor dem letalen Ausgang der Infektion (Überlebensrate bei Kaninchen, die in zwei Laborstudien im Alter von 10 Wochen die erste der beiden Impfungen erhielten: 83 - 92%). Vorübergehende Krankheitserscheinungen wie Fieber und Inappetenz können jedoch nicht ausgeschlossen werden. Ein Einsatz der Vakzine zur Notimpfung bei RHDV-Infektionen (klassische Stämme) ist bei klinisch gesunden Kaninchen möglich.

Beginn der Immunität: 7 Tage nach der ersten Impfung gegen klassische Stämme bzw. 7 Tage nach der zweiten Impfung gegen RHDV-2 Infektionen; Dauer der Immunität (klassische Stämme): 1 Jahr, Dauer der Immunität (RHDV-2): 6 Monate

Eravac

Zur aktiven Immunisierung von Kaninchen ab einem Alter von 30 Tagen zur Reduzierung der Mortalität durch das Virus der Hämorrhagischen Krankheit der Kaninchen, Typ 2 (RHDV2).

Beginn der Immunität: 1 Woche. Dauer der Immunität: 12 Monate, nachgewiesen durch Belastungsinfektion.

Filavac VHD K C+V

Zur aktiven Immunisierung von Kaninchen ab einem Alter von 10 Wochen zur Reduzierung der Mortalität durch RHD (Rabbit Haemorrhagic Disease, Hämorrhagische Krankheit der Kaninchen), verursacht durch klassische Stämme (RHDV1) sowie Varianzstämme (RHDV2).

Beginn der Immunität: 1 Woche nach der Impfung; Dauer der Immunität: 1 Jahr

RIKA-VACC RHD

Aktive Immunisierung von Kaninchen ab einem Alter von 4 Wochen gegen die Hämorrhagische Krankheit der Kaninchen. Ein belastbarer Impfschutz vor RHDV (klassische Stämme) ist innerhalb von 3 Tagen bei bis zu 50 % der Kaninchen vorhanden und nach etwa 7 Tagen im Bestand voll ausgebildet. In einer Belastungsstudie mit RHDV-2 an 14 Wochen alten Kaninchen, die zweimalig im Abstand von 3 Wochen i.m. geimpft waren, konnte nachgewiesen werden, dass der Impfstoff vor dem letalen Ausgang einer RHDV-2 Infektion schützt, jedoch nicht vor vorübergehendem Fieber und selten Inappetenz. Ein Einsatz der Vakzine zur Notimpfung gegen RHDV (klassische Stämme) ist bei klinisch gesunden Kaninchen möglich.

Dauer der Immunität zum Schutz vor RHDV-Infektionen (klassische Stämme): 1 Jahr; Die Dauer der Immunität zum Schutz vor RHDV-2-Infektionen wurde nicht untersucht.