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Lippengrind

Informationen zum Erreger

Der Erreger des Lippengrinds ist das Orf-Virus oder auch Parapoxvirus ovis. Als Vertreter der Familie der Parapocken trägt es ein doppelsträngiges DNA-Genom und ist mit 270x150x170 nm relativ groß. Das Virus ist antigenetisch einheitlich. Es lassen sich aber Stämme unterschiedlicher Virulenz unterscheiden. Das Virus ist weltweit verbreitet. Betroffen sind in erster Linie kleine Wiederkäuer. Das Virus kann auch den Menschen infizieren. Hier sind die Verläufe in aller Regel aber gutartig. Ausbrüche sind zumeist durch eine hohe Morbidität gekennzeichnet. Je nachdem, welche Tiere betroffen sind, variiert allerdings die Mortalität. Aufgrund von Lämmerverlusten und Leistungseinbußen hat die Erkrankung eine hohe wirtschaftliche Bedeutung. Das Virus ist hoch kontagiös. Die Übertragung erfolgt über direkten Kontakt und nach indirekter Übertragung über abgefallene Krusten und Borken. Obwohl es sich um ein behülltes Virus handelt, bleibt das Orf-Virus in diesen Materialien über lange Zeiträume infektiös. Das Virus wird über Hautverletzungen oder über Schleimhäute aufgenommen. Von dort gelangt es in die Lymphe und es kommt zur primären Virämie. Klinisch manifestiert sich das Virus anschließend an den Prädelektionsstellen. Es entstehen die typischen Hautäsionen: Bläschen und Pusteln, die konfluieren und Krusten bis hin zu blumenkohlartigen Auftreibungen bilden. Bei der labialen Form reichen die Läsionen vom Maulwinkel über die Augen bis zu den Ohren. Bei der podalen Form ist vor allem der Kronsaum betroffen. Durch bakterielle Superinfektionen entstehen sehr schmerzhafte, schlecht heilende Läsionen. Bei der genitalen Form finden sich die Läsionen an Euter, bzw. an Vulva und Präputium. Vor allem bei Lämmern können generalisierte, maligne Formen auftreten, die von schweren Allgemeinsymptomen, hohem Fieber, Pneumonien und Ulzerationen an der Maulschleimhaut gekennzeichnet sind.

Die klinische Diagnose ist relativ verlässlich. Erhärten lässt sich die Verdachtsdiagnose mittels Elektronenmikroskopie, PCR oder Antigen-ELISA aus Borkenmaterial.

Auch nach überstandener Infektion bildet sich nur eine kurz anhaltende Immunität aus. Maternale Antikörper reduzieren die Schwere der Erkrankung, vermitteln aber auch nur einen partiellen Schutz. Inaktivatimpfstoffe schützen nicht, sinnvollerweise sollten sicher attenuierte Lebendimpfstoffe eingesetzt werden. In Deutschland sind derzeit keine Impfstoffe zugelassen. Ecthybel® ist ein attenuierter Lebendimpfstoff der Firma Boehringer Ingelheim, vormals Merial, der in Frankreich zugelassen ist und per mit Ausnahmegenehmigung nach § 11 (6) TierGesG importiert und erfolgreich eingesetzt wurde. Eine Zulassung in Deutschland wäre sehr wünschenswert. Durch die Impfung können schwere, klinische Verlaufsformen eingedämmt werden. Gerade beim erstmaligen Auftreten von Lippengrind in einer Herde oder in Ausbrüchen bei Lämmern mit mutterloser Aufzucht ist der Einsatz der Impfung sinnvoll. Der Schutz dauert -wie auch nach einer natürlichen Infektion- nur ein halbes bis ein Jahr an.  

Ein weiterer Impfstoff, Scabivax®, ist im Vereinigten Königreich zugelassen. Zulassungsinhaber ist MSD Animal Health. Mit Austritt des Landes aus der Europäischen Union wird der Import dieses Lebendimpfstoffes schwierig.

weiterführende Literatur

  • Tiermedizinische Mikrobiologie, Infektions- und Seuchenlehre; Herausgegeben von H.J. Selbitz; U. Truyen; P. Valentin-Weigand; Enke-Verlag Stuttgart 10. Auflage (2015); Ecthyma conatgiosum der kleinen Wiederkäuer; Klaus Osterrieder; S. 416 ff.
  • Bostedt, H.; Ganter, M.; Hiepe, T. (Hrsg.): Klinik der Schaf- und Ziegenkrankheiten, 1. Auflage. Stuttgart: Thieme, 2018, ISBN 978-3-13-242281-0; DOI10.1055/b-006-161625
  • Lamb mortality due to bronchopneumonia secondary to orf infection and control by vaccination. (2018) Giadinis, et al. Journal of the Hellenic Veterinary Society. 67, pp: 117-122.
  • Orf virus infection in sheep or goats. (2015) Spyrou and Valiakos. Vet Microbiol. 181, pp: 178-82.
  • Development of a contagious ecthyma vaccine for goats. (2008) Musser, et al. Am J Vet Res. 69, pp: 1366-70.
  • Do UK sheep farmers use orf vaccine correctly and could their vaccination strategy affect vaccine efficacy? (2019) Small, et al. Vet Rec. 185, pp: 305.